„Planlos! Zu den Grenzen von Planbarkeit“

Kollegiatentagung des Graduiertenkollegs Automatismen. Kulturtechniken zur Reduzierung von Komplexität

Universität Paderborn, 28.-30. August 2013

 

 

„Ich koche mir noch jeden Zufall in meinem Topfe.“ (Nietzsche)

 

Planung wird in der Moderne auf eine harte Probe gestellt: Erfahrungen von Kontingenz und steigender Komplexität von kulturellen und ökonomischen Prozessen zeigen Akteuren die Grenzen ihres Horizontes auf. Als Möglichkeiten verbleiben einerseits die Beschränkung auf jene Praxen, die sich zuverlässig planen lassen, und andererseits die bewusste Einbindung scheinbar unplanbarer Prozesse als produktives Prinzip kreativer Möglichkeit. Zwischen diesen Antipoden liegt die Fragestellung unseres Tagungsvorhabens: Wie lässt sich Unplanbarkeit theoretisch und praktisch fassen?

 

Es zeigt sich, dass in den unterschiedlichsten Bereichen Praxen mit dem Ziel entwickelt werden, die Genese unplanbarer Prozesse zu begünstigen oder zu vermeiden und sie in eine zumindest partielle Kontrolle zu überführen. Z. B. entwerfen ArchitektInnen Gebäude, so dass sich bestimmte Verhaltensweisen und Entwicklungen einstellen oder verhindert werden; in den Natur- und Ingenieurswissenschaften etablieren sich experimentelle Paradigmen, in deren Rahmen Unplanbarkeit ein konstitutiver Bestandteil dafür ist, Wissen zu produzieren; im viralen Marketing setzen PR-Agenturen auf die epidemische Verbreitung von Produktinformationen, deren Gelingen durch geschicktes ‚seeding‘ der Botschaft unterstützt wird; im E-Commerce wird die Relevanz von Produkten in Rankings und personalisierten Empfehlungen aus der automatisierten Auswertung von massenhaften individuellen Kaufhandlungen generiert statt zentral festgelegt zu werden. In all diesen Beispielen wird Unplanbarkeit konstitutiv in das Konzept eingebunden, um Ergebnisse zu erzielen, die sich durch klassische Planung nicht erreichen ließen.

 

Solche Prozesse können als unplanbar gelten, weil sie sich erstens zu einem gewissen Grad einer intentionalen Herbeiführung und Kontrolle entziehen. Zweitens zeichnen sie sich durch verteilte und komplexe Konstellationen und Abläufe aus. Drittens zeitigen sie strukturelle Effekte, die sich kausal nicht immer erklären lassen. Diese Prozesse laufen daher hinter dem Rücken der Beteiligten ab und sind meist nur nachträglich bzw. angesichts der von ihnen hervorgebrachten Strukturen identifizierbar.

 

Die in den Beispielen skizzierten Versuche zur Operationalisierung derartiger Prozesse setzen dabei voraus, anwendbares Wissen über sie zu erzeugen. Die damit verbundene Beobachtungsproblematik entsteht aus der Annahme, dass das pragmatische Potential der Unplanbarkeit gerade aus der mangelnden Kontrollierbarkeit sowie der für kausale Erklärungsmodelle vorherrschenden Unverfügbarkeit dieser Prozesse resultiert.

 

Die Tagung fragt daher: Wie kann auf beschreibender und praktischer Ebene Aufschluss über die hypothetischen Voraussetzungen, Verlaufseigenschaften und Resultate ungeplanter Prozesse gewonnen werden? Wie können die grundlegenden Wechselseitigkeiten reflektiert werden, die ungeplante Prozesse auszeichnen: auf der epistemologischen Ebene (Theorie und Beobachtung/Beschreibung), auf der phänomenalen Ebene (Struktur und Prozess) sowie zwischen diesen beiden Ebenen. Offensichtlich erzwingt dies alternative theoretische, methodische und deskriptive Ansätze.

 

Der Call ruft dazu auf, diesen Fragen anhand konkreter Materialbeispiele nachzugehen. Vorträge zu folgenden und anderen Themenschwerpunkten sind denkbar:

 

·      Operationalisierung unplanbarer Prozesse in Hard- und Software-Architekturen

·      Unplanbarkeit in wissenschaftlicher Forschungspraxis

·      Unplanbarkeit im Informationsmanagement

·      Räume der Unplanbarkeit in Architektur und Stadtplanung

·      Kulturen der Unplanbarkeit / Unplanbarkeit der Kultur

·      Ökonomie der Unplanbarkeit / Unplanbarkeit der Ökonomie

·      Operationalisierung von Unplanbarkeit im Marketing

·      Open Source, Open Community, Open End?

·      Historische Dynamiken begrenzt planbarer Prozesse

·      (Diskurs-)Geschichte der Frage nach Planbarkeitsgrenzen

·      (Un-)planbarkeit als Denkfigur

·      Unplanbarkeit im Management: Adaptive Konzepte in der Strategieplanung

 

Formalia:

Die Ausrichtung der Tagung ist interdisziplinär und richtet sich sowohl an Theoretikerinnen und Theoretiker aus Kultur-, Sozial-, Ingenieurs-, Wirtschafts- und Naturwissenschaften, als auch an Vertreterinnen und Vertreter aus der Praxis.

Wir freuen uns auf Abstracts zwischen 250 und 500 Wörtern und bitten um Einreichungen bis zum 10.05.2013. Die Vorträge sollten eine Länge von 25 Minuten nicht überschreiten. Die Tagungssprache ist Deutsch. Übernachtungskosten werden durch die Veranstalter übernommen. Reisekosten aus dem Ausland können leider nicht getragen werden. Eine Publikation zur Tagung ist geplant.

Organisatoren und Ansprechpartner für Einreichungen und alle weiteren Fragen sind Matthias Koch, Christian Köhler, Julius Othmer und Andreas Weich, per E-Mail erreichbar über [log in to unmask]