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Geld und Ökonomie im Vormärz

"Richtig sprachen sie den Beruf der bürgerlichen Gesellschaft dahin aus,
Geld zu machen, also, vom Standpunkt der einfachen Warenzirkulation, den
ewigen Schatz zu bilden, den weder Motten noch Rost fressen." (MEW 13,
S. 133)

An dieser Stelle in den /Grundrissen/ spricht Marx über die bürgerlichen
Ökonomen des 18. Jahrhunderts, die das historisch Neue der
kapitalistischen Reichtumsproduktion zu erfassen versuchen. Im
Unterschied zum Reichtum, der aus der einfachen Warenzirkulation
resultiert, gründet der Reichtum der sich entfaltenden kapitalistischen
Warenproduktion nicht in der Schatzbildnerei, sondern in der Verwertung
des Werts, dessen Resultat sich in der Wahrnehmung der Zeitgenossen in
der schrankenlosen Anhäufung riesiger Vermögen in den Händen weniger
Menschen bei gleichzeitiger Pauperisierung großer Teile der Bevölkerung
manifestiert.

Dieser Zustand ungleicher Reichtumsverteilung, der zeitgenössischen
Äußerungen zufolge in seiner Maßlosigkeit bis dahin unbekannt war, ist
einer tief greifenden Transformation der gesellschaftlichen Organisation
der Arbeit geschuldet. In einem Prozess der Industrialisierung und
Kapitalbildung, der mit der Genese enormer privatisierter Geldvermögen
verbunden ist, verlieren nicht nur die jahrhundertealten geldlosen
Subsistenzstrategien armer Bevölkerungskreise an Geltung; vielmehr
entwickelt sich das Geld über seine Tausch- und Zahlungsfunktion hinaus
zu einem allgemeinen Äquivalent, welches über die bloße
Subsistenzsicherung hinaus durch sein Versprechen allumfassender
Wunscherfüllung eine oft als unheimlich empfundene Magie entfaltet, die
/jede/ Lebensäußerung der in diesen Transformationsprozess geworfenen
gesellschaftlichen Subjekte zu bestimmen scheint.

Während die ältere Forschung zum Problem des Geldes und der Ökonomie im
Vormärz wesentlich thematisch orientiert war, sind seit den
1990er-Jahren zahlreiche Arbeiten entstanden, die Geld jenseits der
Grenzen ökonomischer Schriften als verschwiegenen Subtext in Dichtung
und Philosophie lesbar machen. So untersucht etwa Jochen Hörischs /Kopf
oder Zahl/ (1996) nicht nur das Thema Geld in der Literatur, sondern
umgekehrt auch die "poetischen Qualitäten" des Geldes; in /Kalkül und
Leidenschaft/ (2004) entwirft Joseph Vogl eine Poetologie
polit-ökonomischen Wissens, dessen Referenten nicht außerhalb ihrer
"diskursiven Bewerkstelligung" begriffen werden können, und Richard T.
Gray richtet den Blick auf ein "economic unconscious", welches das
stumme strukturelle Bestimmungsmoment philosophischer und literarischer
Darstellungen der Transformationsepoche sei (/Money Matters/; 2008).

Wenngleich die Geldvermögen in privater Hand als funkelnde Kristalle der
modernen Geldmacherei "in dieser Form keine Narben seiner Entstehung"
(MEW 26, S. 405) mehr an sich tragen, so können die beispielhaft
genannten theoretischen Zugänge doch die Perspektive eröffnen, in eben
diesen funkelnden Kristallen die unsichtbaren "Narben" des
kapitalistischen Verwertungs- und Zirkulationsprozesses lesbar zu
machen. Dazu sollen im Schwerpunkt /Geld im Vormärz/ ökonomische,
politische, medizinische, religiöse, philosophische, literarische und
andere Darstellungen aus europäischen Ländern, die sich im Zuge der
Transformation der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit bisweilen
obsessiv mit der Registratur der Folgen dieser Transformation befassen,
auf die narrative Beschaffenheit und auf ihre Wahrnehmungs- und
Repräsentationsweisen hin untersucht werden.


Folgende Arbeitsbereiche sind denkbar, können aber um andere Aspekte
ergänzt werden:

# /Wirtschafts- und sozialhistorische Aspekte der vormärzlichen
Geldherrschaft/

# Zeitliche Konzentration des Geldes: Beschleunigung ökonomischer
Produktions- und Reproduktionszyklen und deren Auswirkung auf den
allgemeinen Arbeits- und Lebensrhythmus
# Geografische Konzentration des Geldes: Urbanisierung, Ausbildung
nationaler und kolonialer Märkte samt zugehöriger Infrastruktur
(Eisenbahn; Schiffsverkehr)
# überproduktions- und spekulationsbedingte Wirtschaftskrisen (1846/47; 1857)
# Rente, Profit, Lohn; Steuern und öffentliche Finanzen
# ökonomische Theorien zwischen Adam Müller und Karl Marx
# bürgerlich-konservative Geldkritik als Instrument der Krisenregulierung
# Armut und Geldkriminalität: Gaunerei, Bettel, Diebstahl, Betrugsdelikte
(Hochstapelei) und Banküberfall
# Registraturen des Pauperismus, Verteilungsgerechtigkeit und Abschaffung
des Geldes in frühsozialistischen Utopien


# /Geld, Körper und Religion/

# Geld und moderner Antisemitismus
# Gott, Geld und Glaube: der Fetischcharakter des Geldes und gottgefällige
Armut
# Aspekte der Transformation traditioneller christlicher Caritas
# zur Geldnatur des weiblichen Körpers: sozialmedizinische und
-hygienische Vermessungen des zirkulierenden weiblichen Körpers in der
Stadt (Prostitution)
# zur Geldnatur des männlichen Körpers: Homosexualität,
Impotenz/Omnipotenz und phallische Struktur des Geldes
# über geldbedingte pathologische Nervositäten (Raserei), die Konjunktur
psychiatrischer Erkrankungen (Wahn; Gefühlskälte) und Paralyse bzw.
(Schein)Tod als Konsequenz moderner Geldherrschaft


# /Mentalitätsgeschichtliche Umbrüche/

# Gier und Geiz
# Spekulationslust, Protzerei und Sozialangst, Statuspanik
# Sparsamkeit, Tüchtigkeit, nüchternes Geschäftsinteresse und Müßiggang,
Verschwendung, Laster
# Geld als Signatur gesellschaftlicher Anerkennung
# zur Befehlsgewalt des Geldes (militaristische Organisation der
industriellen Produktion; der Unternehmer als Feldherr)


Vorschläge mit kurzem Exposé (maximal 500 Wörter) bitte per E-Mail bis
31. Dezember 2012 an:

Dr. Jutta Nickel, [log in to unmask] <mailto:[log in to unmask]>

Abgabeschluss für die fertigen Beiträge ist der 30. November 2013.


--
Dr. phil. Jutta Nickel
Löfflerstraße 15
22765 Hamburg
T 040 300 358 52
M 0151 152 131 33

www.textkontor-hamburg.de

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The German Studies Call for Papers List
Editor: Stefani Engelstein
Assistant Editor:  Olaf Schmidt
Sponsored by the University of Missouri
Info available at: http://grs.missouri.edu/resources/gerlistserv.html